Washington sollte Marokkos Atlantikstrategie unterstützen
Marokko baut seine Küste mit Häfen, Industriezonen, Energieinfrastruktur und Handelskorridoren aus.
Javier A. Hernández ist Fachmann für internationale Angelegenheiten und Sicherheit sowie ehemaliger Special Agent des Diplomatic Security Service des US-Außenministeriums.

Am 30. Oktober 2026 legte Russland sein Veto gegen eine von den USA eingebrachte Resolution des Sicherheitsrats zur Westsahara ein, die eine reformierte Friedenstruppe der Vereinten Nationen erhalten hätte; zugleich lehnten viele Länder einen russischen Gegenvorschlag ab. Damit läuft die 35 Jahre alte UN-Mission für die Westsahara nun aus. Der Streit beendet ein Relikt des Kalten Krieges, macht aber zugleich den Weg frei für neue Entwicklung, die sich an marokkanischer Souveränität über das umstrittene Gebiet orientiert. Marokko baut seine Atlantikküste zu einem Netz aus Häfen, Industriezonen, Energieinfrastruktur und Handelskorridoren aus, das Europa, den Maghreb und die Binnenstaaten der Sahelzone verbinden könnte. Washington sollte dieses Netz als strategische Infrastruktur begreifen.
Zwei Tage zuvor hatte König Mohammed VI. eine Arbeitssitzung zu zwei Häfen geleitet, Nador West Med und Tanger Med. Rabat kündigte an, das erste Containerterminal von Nador West Med werde demnächst in Betrieb gehen, und der Bau von Tanger Med 3 solle beginnen. Nach Abschluss der geplanten Erweiterungen könne Tanger Med nach marokkanischen Angaben bis zu 20 Millionen Container abfertigen. Weiter südlich errichtet Marokko Dakhla Atlantic in der Westsahara, die die Vereinten Nationen weiterhin als Gebiet ohne Selbstregierung führen. Wenn der Hafen später in diesem Jahrzehnt eröffnet wird, soll er der Schwerindustrie und dem Handel mit den Binnenstaaten der Sahelzone dienen.
Dabei handelt es sich nicht um isolierte kommerzielle Vorhaben. Der 2022 ins Leben gerufene marokkanische Prozess der afrikanischen Atlantikstaaten (Atlantic African States Process) umfasst inzwischen maritime Sicherheit, Konnektivität, Energie und die blaue Wirtschaft. Im Juli 2026 führte Marokko den Ko-Vorsitz beim siebten Ministertreffen des Prozesses in Cotonou. Rabat hat zudem Mali, Niger, Burkina Faso und dem Tschad Zugang zu Atlantik-Infrastruktur angeboten, um diese Binnenvolkswirtschaften der Sahelzone an die Weltmärkte anzubinden.
Diese Strategie berührt Interessen der Vereinigten Staaten. Am 13. Juli unterzeichneten die Königlich Marokkanischen Streitkräfte und das United States Africa Command eine Absichtserklärung, um bis 2030 in Tan-Tan ein Africa Multidomain Training and Experimentation Center aufzubauen. Im August nutzten amerikanische und marokkanische Kräfte das noch im Aufbau befindliche Zentrum für eine Scharfschussvorführung von Präzisionsschlägen großer Reichweite. Im Oktober war Marokko Gastgeber der Planungen für African Lion 2027 , an dem voraussichtlich mehr als 45 Länder teilnehmen werden.
Auch Europa bindet Marokko stärker in seine südliche Sicherheitsarchitektur ein. Im Januar bekräftigten die Europäische Union und Marokko ihre strategische Partnerschaft und erörterten die Atlantic African States-Initiative sowie die Stabilität in der Sahelzone. Im Oktober besuchte der NATO-Sonderbeauftragte für die südliche Nachbarschaft Rabat, um über Terrorismus, maritime Sicherheit und die Sahelzone zu sprechen. Spanien ist in besonderer Weise betroffen: Marokkanische Häfen liegen gegenüber der Straße von Gibraltar und an den Seewegen, die das atlantische Afrika mit Europa verbinden. Für Madrid hat Marokkos Hafenausbau deshalb Folgen für Handel, Migrationssteuerung, Energiesicherheit, Seeraumüberwachung und den Zugang zur Sahelzone.
Zugleich schließt Marokko die Konkurrenten Washingtons nicht aus. China hat rund um Tanger eine wachsende kommerzielle Präsenz aufgebaut, und sein Handelsministerium bezeichnet die Mohammed VI Tangier Tech City nahe Tanger Med als bilaterales Industrieprojekt. Im Januar 2026 besuchte Chinas Botschafter Tangier Tech und Tanger Med und warb für eine engere Zusammenarbeit in den Lieferketten. Bis März verfügte Tangier Tech laut einem Bericht der chinesischen Regierung über Vereinbarungen mit 42 Unternehmen, davon 34 chinesische, die geplante Investitionen von rund 3,5 Milliarden Dollar repräsentieren.
Das bedeutet keinen chinesischen Militärzugang. Öffentlich zugängliche Vereinbarungen deuten auf einen Schwerpunkt bei Industrieinvestitionen, Fertigung und Handel hin und lassen keinen chinesischen Marine-Brückenkopf erkennen. Im Oktober benannte Marokko Maersk-APM, einen von Dänemark geführten Betreiber, als Konzessionär für das neue Containerterminal in Tanger Med 3. Zugleich baut Marokko die militärische Interoperabilität mit den Vereinigten Staaten aus.
Russland stellt eine weitere Herausforderung dar. Moskau vertieft seine militärischen Beziehungen zu Mali, Niger und Burkina Faso. Das russische Veto vom 30. Oktober zur Westsahara zeigte zudem, dass Moskau Washington in einer für die marokkanische Außenpolitik zentralen Frage herausfordern kann. Marokko dürfte daher zu einer noch wertvolleren Brücke in die Sahelzone werden, wo der westliche Einfluss geschwunden ist.
Die strategische Frage lautet nicht, ob Marokko sich für ein Lager entscheiden muss. Rabat begrüßt zwar chinesische Investitionen, stützt seine Verteidigungszusammenarbeit aber auf die Vereinigten Staaten und pflegt enge Beziehungen zu Europa. Washington sollte nicht auf wirtschaftlicher Exklusivität beharren, sondern dafür sorgen, dass kommerzielle Abhängigkeit bei kritischer Infrastruktur nicht zu einem Hebel strategischer Einflussnahme wird.
Analysen des Forums für den Nahen Osten per E-Mail: Newsletter abonnieren (auf Englisch)