Syriens Dschihadisten auf Jemens Schlachtfeld
Salafistische Influencer aus Syrien machen die Erinnerung an das Assad-Regime und an die Gräueltaten iranisch gestützter Kräfte zur Waffe.
Ali Almrayatee war während der Operation Iraqi Freedom als Kampfdolmetscher für die US-Streitkräfte im Einsatz. Später arbeitete er als leitender Sicherheitsberater des irakischen Parlaments, wo er 2016 zur Befreiung US-amerikanischer Geiseln und zum Kampf gegen ISIS beitrug, sowie als nachrichtendienstliche Quelle im Bereich Terrorismusbekämpfung für US-Regierungsbehörden. Er war als Diplomat im Irak und in der Türkei tätig und konzentrierte sich dabei auf internationale Sicherheit, Extremismus, hybride Kriegführung und geopolitische Fragen.

Syrische salafistische Influencer bekunden nicht nur Solidarität mit dem jemenitischen Feldzug gegen die Huthis; sie verwandeln syrische Kriegserfahrungen in ein Mobilisierungsnarrativ für die salafistischen Netzwerke im Jemen. Wenn Staaten der Region diese Dynamik ausnutzen und syrische Kämpfer im Jemen einsetzen, riskieren sie, transnationale dschihadistische Netzwerke zu reaktivieren und drei Jahrzehnte amerikanischer Anstrengungen in Terrorbekämpfung und Stabilisierung zu untergraben.
Syrische salafistische Influencer in den sozialen Medien instrumentalisieren die Erinnerung an das Assad-Regime und an die von Iran unterstützten Gräueltaten während des syrischen Bürgerkriegs von 2011 bis 2023. Sie verweisen auf Massaker, Folter und Vertreibung, um eine ideologische Übereinstimmung mit Gruppen im Jemen herzustellen, insbesondere mit den salafistisch dominierten Brigaden der Riesen (Southern Giants Brigades).
Indem sie geografische und politische Grenzen einebnen, machen salafistische Influencer den Jemen zur Verlängerung von Damaskus und Aleppo. Sie zeichnen die Huthis nicht als lokal begrenzte jemenitische Fraktion, sondern als Akteure in einem größeren konfessionellen Krieg, der syrische Gemeinschaften zerrissen hat. Indem sie Assad, Irans Stellvertreternetzwerk und die Huthis zu einem einzigen Feind verdichten, verwischen sie die politischen und historischen Unterschiede zwischen dem syrischen und dem jemenitischen Kriegsschauplatz. Die Botschaft ist einfach: Der Feind, den die Syrer in Syrien bekämpft haben, ist nun im Jemen.
Diese Rahmung nimmt dem Publikum die Notwendigkeit, die komplexe politische Geschichte des Jemen zu verstehen. Ein Syrer, der wenig über die Huthis, den Südlichen Übergangsrat (Southern Transitional Council) oder die Stammesstrukturen und die regionale Politik des Jemen weiß, muss es nicht lernen. Er muss nur den Feind erkennen: Irans Hand, die über die Arabische Halbinsel greift.
Die Influencer erheben die Beteiligung im Jemen zur religiösen Pflicht. Sie rahmen sie als Dschihad und Märtyrertum statt als geopolitischen Wettbewerb. Die Unterstützung jemenitischer salafistischer bewaffneter Gruppen stellen sie als Verteidigungskrieg gegen eine „unrechtmäßige Seite“ in einem islamischen Kampf dar. Aufrufe, den Islam zu verteidigen, machen die Beteiligung aus etwas Freiwilligem zu etwas moralisch Gebotenem.
Hier kann Online-Propaganda strategisch folgenreich werden. Die Rhetorik senkt die psychologischen und ideologischen Hürden für Rekrutierung, besonders bei Syrern, deren politische und religiöse Identität durch den syrischen Konflikt geprägt wurde. Wenn Influencer signalisieren, sie seien bereit, in den Jemen zu gehen, oder andere dazu ermuntern, aktivieren sie eine bereits vorhandene transnationale Infrastruktur. Historische Verbindungen zwischen syrischen und jemenitischen salafistisch-dschihadistischen Netzwerken – teils verwurzelt in gemeinsamen Al-Qaida-Linien – liefern das organisatorische Gerüst, das Online-Mobilisierung in koordinierte militärische Aktivität übersetzt. Diese Netzwerke liefern, was Propaganda allein nicht schaffen kann: Beziehungen, Präzedenzfälle, geteilte Identitäten und Kanäle, über die Einzelne von Online-Überzeugung zu organisierter Betätigung gelangen.
Zugleich zeichnet sich in Teilen dieser salafistisch-dschihadistischen Rhetorik ein breiteres politisches Ziel ab. Aufrufe zu einem islamischen Regime nach dem Vorbild jener Regierungsstrukturen, die mit dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Sharaa verbunden werden, legen nahe, dass manche Akteure die Niederlage der Huthis nicht als Endziel begreifen, sondern als Gelegenheit, eine bevorzugte islamistische politische Ordnung im Jemen zu reproduzieren. Die Niederlage der Huthis und die Errichtung salafistischer Herrschaft als austauschbar zu behandeln, würde das Risiko bergen, eine extremistische Bedrohung zu schlagen und zugleich die Voraussetzungen für eine weitere zu schaffen.
Die institutionelle Eigendynamik rund um das gemeinsame Verteidigungsabkommen von Mekka zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan könnte dieses Modell indirekter Beteiligung attraktiv machen: Syrische Kämpfer könnten die Mannschaftsstärke stellen, während staatliche Förderer politische, finanzielle und logistische Unterstützung liefern. Ein solches Arrangement würde es Regionalmächten erlauben, Macht zu projizieren, ohne eigene Truppen direkt gegen Iran und die Huthis einzusetzen. Die Türkei hat diese Blaupause bereits in Libyen und in Bergkarabach demonstriert. Dieser Präzedenzfall bedeutet nicht, dass dasselbe Modell im Jemen zur Anwendung kommt – aber er macht die Möglichkeit strategisch relevant. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan dürfte einen solchen Ansatz attraktiv finden. Die saudische Führung könnte ihn als kosteneffiziente Lastenverlagerung betrachten. Der Mechanismus wirkt sauber: bestehende Netzwerke und Ressentiments mobilisieren, sie in den Jemen lenken, und dschihadistischen Eifer jene Arbeit erledigen lassen, die konventionelle Streitkräfte nicht leisten können.
Die Gefahr besteht darin, dass von Saudi-Arabien geführte Bemühungen zur Stabilisierung des Korridors von Bab al-Mandab ein Umfeld schaffen könnten, das dschihadistische Ideologie militarisiert. Der Jemen-Konflikt könnte zum Katalysator für die Reaktivierung eines breiteren dschihadistischen Mobilisierungsökosystems werden, in dem syrische Kriegserfahrungen, jemenitische salafistische Netzwerke, antiiranischer Konfessionalismus und regionale Machtkonkurrenz einander verstärken. Eine solche Mobilisierung könnte die konfessionelle Polarisierung verschärfen und Reaktionen irakischer und anderer proiranischer bewaffneter Gruppen provozieren.
Für die amerikanische Politik ist entscheidend, ob Bemühungen zur Eindämmung der Huthi-Aggression unbeabsichtigt transnationale dschihadistische Netzwerke regenerieren und den breiteren Stellvertreterkrieg anheizen könnten, den drei Jahrzehnte amerikanischer Terrorbekämpfung einzudämmen versuchten. Die politisch Verantwortlichen sollten handeln, bevor sich diese Infrastruktur verfestigt.
