Irans Krieg ist auch ein Krieg um die Geschichte
Wer sich auf die Vergangenheit beruft, muss ihren gesamten Verlauf in den Blick nehmen, statt sich bequeme Bruchstücke herauszusuchen.

Am 29. Oktober 539 v. Chr. zog Kyros der Große im Triumph in Babylon ein. Das in der Babylonischen Chronik verzeichnete Datum hat ein modernes Nachleben: Manche Iraner begehen es heute als Kyros-Tag und feiern einen Herrscher, der in Erinnerung geblieben ist, weil er verbannten Völkern, darunter den Juden, die Rückkehr in ihre Heimat gestattete. In diesem Jahr fällt der Jahrestag in eine Zeit der Konfrontation zwischen Iran, Israel und den Vereinigten Staaten. Der Gedenktag hat keinen offiziellen Status, doch seine Beliebtheit spiegelt heutige iranische Ängste wider. In der altpersischen Weltsicht ließen sich imperiale Eroberung und pragmatische Toleranz mühelos vereinbaren.
Kürzlich berief sich US-Außenminister Marco Rubio in Athen auf das antike Griechenland als Quelle der westlichen Zivilisation und erinnerte an die persische Zerstörung der Akropolis im Jahr 480 v. Chr. Seine Rhetorik rückte die heutige Konfrontation mit Teheran in ein zivilisatorisches Narrativ. Iranische Amtsträger und ihre Gegner bedienen sich ihrerseits aus dem eigenen historischen Repertoire. Zur Stützung ihrer jeweiligen Narrative berufen sich die Konfliktparteien regelmäßig auf sechs wiederkehrende Episoden: die Perserkriege; Kyros und die Rückführung der Juden; Esther und Purim; Fereydun gegen Zahhak; die Gefangennahme Kaiser Valerians durch Schapur I.; und die Schlacht von Karbala, auf die sich Irans früherer Oberster Führer Ali Chamenei immer wieder berief.
Es sind keine gleichartigen Geschichten: manches sind dokumentierte Ereignisse, anderes sakrale oder nationale Mythen. Doch alle können einen geopolitischen Konflikt in ein Drama zeitloser Identität verwandeln.
Samuel Huntingtons Paradigma von 1993 machte die Zivilisation zu einer prominenten Ordnungskategorie der internationalen Beziehungen. Doch „Zivilisation“ ist ein modernes Konstrukt, keine antike Selbstbeschreibung. Kyros verstand sich nicht als Hüter einer abgegrenzten „persischen Zivilisation“, und Alexander zog nicht als Botschafter „des Westens“ nach Osten. Solche Dichotomien wären ihnen fremd gewesen.
Die Perserkriege taugen nur bedingt als Vorlage für einen ewigen Kampf der Zivilisationen. Es waren Auseinandersetzungen zwischen bestimmten Staaten und Koalitionen, denen Jahrhunderte des Austauschs folgten. Der Einzug des Kyros in Babylon wird in der biblischen Überlieferung gefeiert und auf dem Kyros-Zylinder festgehalten, weil er die Rückkehr der Verbannten gestattete. Umgekehrt schildert das Buch Esther eine Hofintrige: Hamans Komplott gegen die Juden, vereitelt von Esther und Mordechai, gefeiert an Purim. Keines der beiden Narrative rechtfertigt pauschale moralische Urteile über heutige Iraner oder Juden.
Ähnliche Zurückhaltung ist mit Blick auf Mythos und Spätantike geboten. In Ferdousis Schahname wird der Tyrann Zahhak von Fereydun gestürzt – eine Erzählung, die Gegner der Islamischen Republik heute als Allegorie der Befreiung einsetzen. Ebenso wenig sollte Schapurs I. Sieg über Valerian im Jahr 260 n. Chr. – verewigt in Naqsch-e Rostam – auf einen unwandelbaren persisch-römischen Gegensatz reduziert werden. Schapurs Reliefs feierten imperiale Überlegenheit und zeigten zugleich rivalisierende Reiche, die einander beobachteten und voneinander entlehnten. Karbala bleibt zentral für das schiitische religiöse Gedächtnis und für Chameneis Paradigma des Widerstands. Seine moralische Resonanz macht jedoch nicht jede staatliche Politik zur Fortsetzung der Sache Imam Husseins.
Eine aufschlussreichere Geschichte beginnt jenseits der Zerrbilder. Alexander heiratete Roxane, die Tochter eines baktrischen Adligen, und band damit unterworfene Eliten an sein Reich, während sein Geliebter Bagoas, ein schöner persischer Adliger, die Integration des Hofes verkörperte. Das griechisch-baktrische Königreich wurde später in Balch im heutigen Nordafghanistan gegründet, als sich Diodotos um 250 v. Chr. vom Seleukidenreich löste. Seine Herrscher und Untertanen lebten in einer Welt, die gleichermaßen von hellenischen und iranischen Traditionen geprägt war – eine hybride Ordnung, aus Eroberung geboren und durch Anpassung erhalten. Alexander übernahm achämenidische Hofrituale und förderte Eheschließungen zwischen seinen Offizieren und einheimischen Aristokraten. Seine Nachfolger regierten durch fortwährendes Aushandeln.
Diese kulturübergreifende Synthese hielt an. Persische Verwaltungsfachleute legten die institutionellen Grundlagen des Abbasiden-Kalifats. Spätere persisch-türkische Dynastien förderten Literatur und Architektur von Zentralasien bis Indien. Avicenna verband griechische Philosophie mit islamischer Theologie, während Goethe in Hafis einen literarischen Ebenbürtigen fand und seinen West-östlichen Divan verfasste. Einfluss bewegte sich fließend über die Grenzen hinweg, die Monarchen zogen.
Die Geschichte bietet kein bequemes Narrativ zivilisatorischer Harmonie, sondern eine anspruchsvolle Lektion in Komplexität und Staatskunst jenseits starrer Dichotomien. Staatsführer, die sich auf die Vergangenheit berufen, müssen sich mit ihrem gesamten Verlauf auseinandersetzen, statt sich bequeme Bruchstücke herauszupicken.
Diese Verpflichtung lastet schwer auf Teheran. Eine Regierung, die Geschlechterdiskriminierung institutionalisiert, Minderheiten verfolgt, sich an die Seite der Taliban gestellt, das vorislamische Erbe vernachlässigt und ihre Ideologie um eine antiwestliche Revolution herum definiert hat, kann nicht glaubwürdig beanspruchen, Hüterin der persischen Zivilisation zu sein. Wenn Mitgefühl gegenüber Flüchtlingen und der Schutz der Rechte von Frauen als Säulen der westlichen Zivilisation gefeiert werden, dann stellen der Umgang der Trump-Regierung mit Flüchtlingen, ihr desaströses Friedensabkommen mit den Taliban und die fortgesetzte Finanzierung des Taliban-Regimes ebenso ihre Glaubwürdigkeit infrage, die westliche Zivilisation zu beanspruchen und zu vertreten.
Für die israelische politische Klasse, für die ständige Verfolgung und Vertreibung integraler Bestandteil der nationalen Tragödie waren, ist der Umgang mit der Zivilbevölkerung des Gazastreifens moralisch problematisch.
Die entscheidende Frage am Kyros-Tag lautet nicht, welchem politischen Akteur die Antike gehört. Sie lautet, ob selbsternannte „Zivilisationsstaaten“ das Selbstvertrauen aufbringen, das zu praktizieren, was sie als Gründungsethos ihrer Zivilisation predigen.
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