Der Westen darf die Deutung des Islam nicht den Geistlichen überlassen
Westliche Politiker dürfen die religiöse Dimension nicht ignorieren, sollten extremistische Bewegungen aber auch nicht allein auf Religion reduzieren.

Die Entscheidung der Church of England, einen pakistanischen Geistlichen für seinen Beitrag zum interreligiösen Dialog auszuzeichnen – und die Auszeichnung anschließend wieder zu entziehen, nachdem Belege für sein Lob auf den Al-Qaida-Führer Osama bin Laden bekannt geworden waren –, war mehr als ein peinliches Versäumnis bei der gebotenen Sorgfalt. Sie legte ein westliches Missverständnis offen: die Annahme, religiöse Autorität sei gleichbedeutend mit gesellschaftlicher Legitimität und einer authentischen Vertretung der Muslime.
Seit Jahrzehnten nähern sich westliche Regierungen islamischen Gesellschaften durch ein enges Raster aus „Extremisten“ und „Gemäßigten“: Beide Kategorien sind religiös definiert. Der Extremist ist jener Muslim, dessen Auslegung des Islam als gefährlich gilt; der Gemäßigte ist jener Muslim, dessen Auslegung als akzeptabel gilt. In beiden Fällen wird der Glaube zur Linse, durch die der Westen politische Identität, bürgerschaftliche Motive und gesellschaftliche Dynamiken deutet.
Das ist analytisch ein gravierender Fehler. Gesellschaften mit muslimischer Mehrheit sind keine religiösen Monolithen. Sie umfassen Islamisten, Traditionalisten, Reformer, Säkularisten, Atheisten, Agnostiker, Nationalisten, Liberale, Sozialisten, Monarchisten, Demokraten und autoritär gesinnte Milieus. Sie umfassen auch Muslime, die ihren Glauben als Privatsache und nicht als politisches Programm verstehen. Indem sie Geistliche und religiöse Organisationen als Gesprächspartner muslimischer Gesellschaften behandelten, haben westliche Regierungen glaubensbasierte Milieus unmittelbar zulasten anderer gestärkt.
Die Wurzeln dieses Problems sind historisch und geopolitisch. Im Kalten Krieg wurde Religion zu einer nützlichen Waffe gegen den „gottlosen Kommunismus“. Afghanistan war das folgenreichste Beispiel. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten unterstützten die afghanischen Mudschaheddin im Kampf gegen die sowjetische Besatzung und halfen so, eine Infrastruktur islamistischer Mobilisierung aufzubauen, deren Folgen weit über den Kalten Krieg hinausreichten. Die strategische Logik war nachvollziehbar; die langfristigen Kosten waren es nicht. Die Vereinigten Staaten behandelten Religion als ein Instrument der Geopolitik statt als eine Dimension komplexer Gesellschaften.
Diese Gewohnheit lebt in der heutigen Diplomatie fort. Die Abraham-Abkommen sind im Kern Vereinbarungen über staatliche Interessen, Sicherheit, Souveränität und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Dennoch ist ihre öffentliche Darstellung vielfach in die Sprache „abrahamitischer“ Versöhnung und interreligiöser Harmonie gekleidet. null Die Beschreibung der Abraham-Abkommen durch das US-Außenministerium veranschaulicht diese theologische Rahmung. Eine solche Sprache ist nicht per se zu beanstanden; doch wenn Religion zum Vokabular der Staatskunst im Nahen Osten wird, verschwinden politische, bürgerschaftliche und wirtschaftliche Identitäten hinter essentialistischen religiösen Etiketten.
Am bedenklichsten sind die Folgen dort, wo westliche Politik beim Aufbau neuer politischer Ordnungen mitwirkte. Afghanistan wurde nach 2001 zur „Islamischen Republik“, während die irakische Verfassung nach Saddam den Islam zur Staatsreligion und zu einer grundlegenden Quelle der Gesetzgebung erklärte. null Afghanistans verfassungsrechtlicher Rahmen und null die irakische Verfassung zeigen, wie religiöse Rechtsprechung in staatliches Regieren eingebettet wird. Westliche Politiker zögerten, diese Arrangements infrage zu stellen, aus Furcht vor dem Vorwurf der Islamfeindlichkeit. Das Ergebnis war ein Paradox: Im Bemühen, Respekt vor dem Islam zu zeigen, legitimierten westliche Regierungen politische Strukturen, die genau jenen Pluralismus einschränkten, den sie zu fördern vorgaben.
Dasselbe Problem zeigt sich innerhalb westlicher Gesellschaften. Die Integration von Muslimen wird viel zu oft über die Berücksichtigung religiöser Identität verhandelt – Bekenntnisschulen, Halal-Angebote oder Scharia-Räte – statt über Staatsbürgerschaft, Gleichheit und Teilhabe an einer gemeinsamen politischen Gemeinschaft. Die britischen Erfahrungen mit Scharia-Räten verdeutlichen diese Spannung. Zwar kann freiwillige religiöse Schiedsgerichtsbarkeit innerhalb einer freien Rechtsordnung bestehen, doch religiöse Autorität darf die vom Staat garantierten universellen Rechte nicht außer Kraft setzen, wie die Haltung des Vereinigten Königreichs zu den Scharia-Räten unterstreicht. null
Die Folge ist die systematische Marginalisierung jener Muslime, die nicht in das bevorzugte religiöse Raster passen: Reformer, Säkularisten, Atheisten, Ex-Muslime, Dissidenten, Feministinnen und Kritiker des politischen Islam. London und andere westliche Hauptstädte betrachten ihre Stimmen als weniger repräsentativ, weil sie die Annahme infrage stellen, der Islam müsse im öffentlichen Leben eine privilegierte Stellung einnehmen.
Das ist nicht bloß ein intellektuelles Problem. Es untergräbt den Kampf gegen den islamistischen Extremismus. Extremistische Bewegungen sollten nicht allein auf Religion reduziert werden; politische Gewalt entsteht aus dem Zusammenspiel von Ideologie, Theologie, politischen Missständen, Autoritarismus und sozialen Verhältnissen. Doch ebenso wenig darf die religiöse Dimension beschönigt oder ignoriert werden. Eine Politik, die sich scheut, religiöse Ideen zu prüfen, kann Bewegungen nicht entgegentreten, die eben diese Ideen zur Legitimierung politischer Gewalt nutzen.
Die Antwort lautet nicht: weniger Religionsfreiheit. Sie lautet: gleiche Religionsfreiheit. Muslime müssen ihren Glauben frei von Zwang ausüben können. Aber sie müssen ebenso frei sein, den Islam neu auszulegen, ihn abzulehnen, ihn zu verspotten, ihn zu verlassen oder ihn als Privatsache zu betrachten. Nichtmuslime müssen dieselben Freiheiten genießen. Religiöser Glaube verdient Schutz vor Zwang; religiöse Ideen verdienen keine Immunität gegen Kritik. Die westliche Politik sollte die Suche nach „gemäßigten Muslimen“ aufgeben und stattdessen pluralistische Gesellschaften fördern, in denen die Bürger selbst frei bestimmen, welche Rolle Religion in ihrem Leben spielen soll.