Wird die Hamas dem Modell der Hisbollah folgen, während der Westen auf „Technokratie“ setzt?
Das hybride Modell der Hisbollah im Libanon erlaubt es ihr, innerhalb oder hinter den formellen Staatsinstitutionen zu agieren.
Aaron J. Shuster ist ein preisgekrönter Filmemacher und Autor aus Kalifornien. Seine Arbeit befasst sich mit moralischer Verantwortung, Israel und den strategischen Herausforderungen, vor denen demokratische Gesellschaften stehen.

Rufe nach einer „technokratischen Regierung“ in Gaza sind wieder lauter geworden, während politische Entscheidungsträger nach einer Nachkriegsformel suchen, die sowohl eine israelische Wiederbesetzung als auch die Rückkehr der Hamas-Herrschaft vermeidet. Der Vorschlag klingt pragmatisch: parteilose Verwalter einsetzen, die Grundversorgung wiederherstellen und den Gazastreifen stabilisieren, während die größeren politischen Fragen vertagt werden. Der Konstruktionsfehler ist strukturell. Bewaffnete Bewegungen geben Macht selten allein deshalb ab, weil ein ziviles Kabinett gebildet wird – sie sind darauf bedacht, ihren Einfluss zu bewahren.
Jüngste Berichte und Politikanalysen legen nahe, dass die Hamas eine solche Anpassungsstrategie vorbereitet – sie will Einfluss über bürokratische Kontinuität, interne Sicherheitsnetzwerke und die Aufsicht über den Wiederaufbau sichern, selbst nach Einsetzung eines nominell unabhängigen Verwaltungsausschusses. Das Konzept ähnelt dem hybriden Modell der Hisbollah im Libanon: in oder hinter den formellen Staatsinstitutionen agieren und dabei eine autonome Autorität bewahren.
Die Hamas hat die Integrationsstrategie der Hisbollah studiert. Die Hisbollah hat gezeigt, wie sich eine bewaffnete Organisation in Ministerien verankern, Haushaltszuweisungen beeinflussen und parallele Kommandostrukturen aufrechterhalten kann, die keiner zivilen Befehlskette unterstehen. Die Regierungsbeteiligung hat die militärische Haltung der Hisbollah nicht gemäßigt; sie hat ihre politische Rolle normalisiert und zugleich ihr eigenständiges Arsenal bewahrt.
Die Logik ist einfach. Bewaffnete Gruppen, die eine große Konfrontation überstehen, verfolgen vorrangig drei Ziele: den Erhalt der Kommandohierarchie, die Kontrolle über innere Sicherheit und Nachrichtendienste sowie den Schutz ihrer Fähigkeit, militärische Mittel wieder aufzubauen. Das entspricht der Nachkriegshaltung der Hamas. Die Kontrolle über Grenzübergänge, Gehaltssysteme, Genehmigungsbehörden und die innere Polizeiarbeit entscheidet darüber, wer Patronagenetzwerke, humanitären Zugang und Einnahmequellen beherrscht. In fragilen Umfeldern wiegen diese Hebel oft schwerer als formelle Titel.
In der Praxis erzeugt hybride Herrschaft häufig doppelte Befehlsketten, die internationale Akteure kaum durchdringen können. Ein ziviles Ministerium mag formal für Wohnungsbau, Infrastruktur oder Grenzregulierung zuständig sein, während informelle Netzwerke über Einstellungen, die Auswahl von Auftragnehmern und die lokale Durchsetzung entscheiden. Die sichtbare Architektur wirkt technokratisch; der operative Hebel bleibt politisch. Mit der Zeit entwickeln externe Akteure ein Interesse daran, den Verwaltungsrahmen zu erhalten, weil er messbare Ergebnisse liefert – wiederhergestellte Stromversorgung, reparierte Straßen, abgewickelte Gehaltszahlungen –, selbst wenn das zugrunde liegende Sicherheitsumfeld unverändert bleibt. Das Ergebnis ist kein Übergang, sondern eine Verfestigung unter einem anderen institutionellen Etikett.
Entscheidend ist die institutionelle Mechanik. Wer kontrolliert die Zolleinnahmen? Wer beglaubigt Eigentumsansprüche und Wiederaufbauverträge? Wer beaufsichtigt das Personal der inneren Sicherheit? Wer regelt die Verteilung der Hilfsgüter? Behält die Hamas – und sei es indirekt – effektiven Einfluss auf diese Funktionen, würde eine technokratische Regierung innerhalb der Grenzen agieren, die ausgerechnet jene Organisation setzt, die sie ablösen soll.
Der Libanon liefert einen warnenden Präzedenzfall. Trotz wiederholter Reforminitiativen und internationaler Investitionen hat die parallele Militärstruktur der Hisbollah jahrzehntelang Bestand gehabt. Die Beteiligung an der formellen Politik hat ihre eigenständige Befehlskette nicht beseitigt. Externe Akteure, die kurzfristige Stabilität priorisierten, behandelten oberflächliche Regierungsreformen oft als Fortschritt und ließen dabei die Zwangsmittel unangetastet.
Das Sicherheitsumfeld nach dem 7. Oktober 2023 verschärft dieses Dilemma. Israels Doktrin zielt inzwischen darauf, der Hamas die Fähigkeit zum militärischen Wiederaufbau zu verwehren. Jedes Herrschaftsmodell, das eine Schattenkommandostruktur intakt lässt, riskiert, genau jene Bedingungen erneut zu schaffen, die den vorangegangenen Krieg ermöglicht haben.
Nichts davon schließt eine zivile Verwaltung in Gaza aus. Die Infrastruktur muss funktionieren. Der Wiederaufbau erfordert Koordination und externe Finanzierung. Die Frage ist die der Reihenfolge. Dauerhafte Übergänge setzen entweder die Entwaffnung vor der politischen Integration voraus oder einen Durchsetzungsmechanismus, der bewaffnete Akteure in Schranken halten kann. Fehlen diese Voraussetzungen, behalten bewaaffnete Gruppen ihren Einfluss und können ihre Sichtbarkeit an äußeren Druck anpassen.
Der Reiz einer technokratischen Regierung liegt in ihrem Versprechen von Stabilität ohne Eskalation. Sie bietet Gebern einen Kanal für Wiederaufbaumittel und Diplomaten ein Vokabular der Mäßigung. Sie erlaubt es politischen Entscheidungsträgern, die schwierigere Frage der Entwaffnung zu vertagen. Behält die Hamas jedoch die effektive Kontrolle über Sicherheitsnetzwerke oder Wiederaufbauströme, wäre eine technokratische Regierung Anpassung statt eines echten Übergangs.
