Lässt sich Indiens Heuchelei gegenüber Iran erklären?
Als Opfer des von Pakistan unterstützten Terrorismus und transnationaler islamistischer Netzwerke hat Indien keinen Grund, das iranische Regime zu beschwichtigen.
Abhinav Pandya ist Gründer und Chief Executive Officer der Usanas Foundation, einer indischen Denkfabrik für Außen- und Sicherheitspolitik.

Die anhaltende Iran-Krise legt einmal mehr Indiens widersprüchliche Nahostpolitik offen. Indiens historisch propalästinensische Haltung, seine Weigerung, die Hamas als Terrororganisation einzustufen, und sein entgegenkommender Kurs gegenüber der Islamischen Republik – trotz des 1.200 Jahre währenden Kampfes Indiens gegen Dschihadismus, Tempelzerstörungen, Zwangskonversionen und den Genozid an Hindus durch Islamisten – widersprechen jedem gesunden Menschenverstand. Unverständlich ist auch die Entscheidung der hindunationalistischen Regierung von Premierminister Narendra Modi, die für ihre Haltung gegen Islamismus und ihre Kritik an früheren Regierungen des Indischen Nationalkongresses wegen deren proislamistischer Politik und deren Zögern bei der Annäherung an Jerusalem bekannt ist, gegen die Resolution der Vereinten Nationen zu stimmen, mit der das islamistische Regime Irans sanktioniert wird.
Das hindunationalistische Ökosystem, die paramilitärisch organisierte Freiwilligenorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh und deren Podcaster, Influencer, Nichtregierungsorganisationen, Studentenverbände und Medien haben null Toleranz für islamistischen Terror. Dieser Antiislamismus war der Eckpfeiler ihrer Wahlkämpfe und führte zu drei aufeinanderfolgenden nationalen Siegen. Zu den Protesten in Iran jedoch schweigt Indiens derzeitige Regierung.
Dschihadistische Terrorgruppen verehren Ajatollah Ruhollah Chomeini dafür, dass er eine säkulare Regierung verdrängte und durch eine islamistische ersetzte. Welche Rolle die Islamische Revolution von 1979 in Iran dabei spielte, das Erstarken des modernen Dschihadismus zu ermöglichen und Terrorgruppen von Kaschmir bis Libanon zu inspirieren, ist in Kreisen der Terrorismusbekämpfung nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.
Als Opfer sowohl des von Pakistan unterstützten Terrorismus als auch transnationaler islamistischer Netzwerke hat Indien keinen Grund, das iranische Regime zu beschwichtigen, während dieses seine schwerste Krise durchlebt. Teheran hat sowohl die Radikalisierung der Schiiten in Kaschmir gefördert als auch separatistische Stimmungen unter ihnen befeuert. Bei verschiedenen Gelegenheiten hat Irans Oberster Führer Ali Chamenei die dschihadistische Bewegung in Kaschmir als Freiheitskampf bezeichnet und dabei falsche Parallelen zu Gaza gezogen. Iran hat zudem schlafende Terrorzellen in Indien aufgebaut und sie mutmaßlich für Anschläge auf die israelische Botschaft in Neu-Delhi eingesetzt.
Unter Druck wegen seines seit einem Jahrzehnt bestehenden Engagements im Hafenprojekt Tschahbahar – bedingt durch die wachsenden Spannungen zwischen den USA und Iran sowie Indiens zunehmende Nähe zu Jerusalem – akzeptiert Indien inzwischen die Aussicht auf ein Scheitern in Tschahbahar und erwägt einen Rückzug. Chinas wachsender Einfluss in Iran macht seine strategischen Konnektivitätsprojekte anfällig für chinesische Sabotage. Darüber hinaus könnte die Trump Route for International Peace and Prosperity, ein von den USA vermittelter multimodaler Korridor durch die armenische Provinz Sjunik, Irans Zugang zu Russland blockieren und damit die Perspektiven des Hafens Tschahbahar als Teil des International North-South Transport Corridor weiter schwächen.
Hinzu kommt, dass Irans Unnachgiebigkeit, die Repression gegen die Zivilbevölkerung und die Verbindungen zu Terroristen Indien peinlich sein müssten, während es Freihandelsabkommen und strategische Partnerschaften mit westlichen Demokratien aufbaut.
Delhis Verhalten ist heuchlerisch. Indische rechte Organisationen protestierten gegen das Tragen des Hidschab an Schulen und Hochschulen. Die anschließende Unterstützung durch Al-Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri sorgte für politische Peinlichkeit. Heute tun Indiens rechte Intellektuelle die Empörung iranischer Frauen gegen den Hidschab als Ergebnis amerikanischer Einmischung ab. Wenn Islamisten in Bangladesch Hindus abschlachten, schreien indische Nachrichtensender auf; die Folterungen und Morde an iranischen Bürgern jedoch, die gegen Inflation protestieren und Arbeitsplätze, Wasser, Religionsfreiheit und Lebensqualität fordern, finden in Indien kaum Publikum. Obwohl Indien stolz auf sein Bekenntnis zu einer regelbasierten Weltordnung, zu Demokratie und Multikulturalismus ist und Pakistans Militärdiktatur und Terrorfabriken verurteilt, hat es keine Skrupel, in den Vereinten Nationen an der Seite Chinas, Russlands und Pakistans zu stehen.
Der einzige Zweck, den Modis proiranische Haltung erfüllt, ist es, in Indien günstige Optik zu erzeugen. Vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Modi und Präsident Donald Trump, angesichts der Vorwürfe, Modi habe beim Kauf russischen Öls amerikanischem Druck nachgegeben, und angesichts der Kritik an der neuen Hochschulregelung, die angeblich Hindus höherer Kasten benachteiligt, dient die Darstellung der proiranischen Haltung Indiens durch seine Anhänger als Modis Trotz gegenüber den Vereinigten Staaten als Ablenkung. Die weiteren Gründe, die Indiens Haltung erklären können, sind sowohl Modis übermäßige Abstützung auf eine Bürokratie, die noch immer unter dem Nachhall des Kalten Krieges samt sozialistischem Ballast leidet, als auch das Fehlen strategischer Denker in der politischen Führung.
