Nicht die Anerkennung Somalilands ist das Problem, sondern Somalias Staatsversagen
Mogadischus Versuch, Somaliland als separatistisches Projekt darzustellen, übergeht die operativen Realitäten und verfälscht den historischen Befund.
Siyad Madey ist ein in Nairobi ansässiger Rechtsanwalt und Politikanalyst und verfügt über mehr als fünfundzwanzig Jahre Erfahrung im öffentlichen und privaten Sektor in Ostafrika und am Horn von Afrika. Zuvor war er über fünfzehn Jahre bei der National Bank of Kenya tätig.

Israels Anerkennung Somalilands am 26. Dezember 2025 hat in Mogadischu scharfe Verurteilungen ausgelöst. Somalische Regierungsvertreter werteten die Entscheidung als Verletzung der Souveränität und als Bedrohung der regionalen Stabilität. Diese Reaktion verdeckt jedoch eine tiefer liegende Realität: In dem Streit geht es weniger um Grenzen und diplomatisches Protokoll als um Somalias ungelöstes Staatsversagen und die strategische Neuausrichtung, die sich entlang des Korridors am Roten Meer vollzieht. Die Anerkennung hat Somalias Krise nicht verursacht, sie hat sie offengelegt.
Seit mehr als drei Jahrzehnten agiert Somaliland als funktionsfähiges Gemeinwesen. Es kontrolliert Territorium, organisiert Wahlen, hält die innere Ordnung aufrecht und verwaltet zivile Institutionen mit einer Kontinuität, die in weiten Teilen Südsomalias fehlt. Mogadischus Versuch, Somaliland als bloß ein weiteres separatistisches Projekt darzustellen, ignoriert diese Realitäten vor Ort und zeichnet die historische Bilanz falsch.
Somaliland ging fünf Tage nach der Unabhängigkeit eine übereilte Union mit Italienisch-Somaliland ein, doch das rechtliche Fundament dieser Union war von Beginn an brüchig. Somaliland verabschiedete sein Unionsgesetz am 27. Juni 1960, während im Süden keine entsprechende Ratifizierung erfolgte, sodass am 1. Juli 1960 kein gemeinsam ratifizierter Unionsakt in Kraft war. Das 1961 rückwirkend verabschiedete Unionsgesetz war der Versuch, diesen Mangel zu beheben. Juristisch betrachtet wurde die Union zwar politisch proklamiert, aber nie wirksam konstituiert, womit sie – nach rechtswissenschaftlichen Maßstäben – ab initio fehlerhaft war.
Der politische Verlauf, der darauf folgte, vertiefte diese strukturelle Schwäche. Der Putsch von 1969 beseitigte die verfassungsmäßige Ordnung in Mogadischu und zementierte eine zentralistische Herrschaft, die den ursprünglichen politischen Kompromiss aushöhlte. Als der somalische Staat 1991 zusammenbrach, verlor die Union ihre institutionelle Grundlage vollständig. Somalilands Rückzug war daher keine ideologische Fragmentierung, sondern institutionelle Selbstbehauptung nach einem systemischen Zusammenbruch.
Aus israelischer Sicht war die Anerkennung strategisch, nicht symbolisch. Das Horn von Afrika ist zu einer Verlängerung des sicherheitspolitischen Wettbewerbs im Nahen Osten geworden. Die Engpässe am Roten Meer und die kommerziellen Schifffahrtsrouten stehen heute im Zentrum regionaler Machtkalküle. Somalilands Nähe zur Meerenge Bab al-Mandab verortet es an einer der folgenreichsten Handelsadern der Welt. Anlagen wie Berbera bieten logistische Tiefe und Hebel, deren strategischer Wert über die innersomalische Politik hinausreicht. In diesem Umfeld wählen Staaten ihre Partner nicht nach verfassungsrechtlicher Theorie aus, sondern nach territorialer Kontrolle, Verlässlichkeit und institutioneller Kontinuität. Somaliland bietet Berechenbarkeit in einer Region, die von zersplitterter Autorität und politischer Volatilität geprägt ist.
Im Gegensatz dazu ringt Somalias Bundesregierung weiterhin mit struktureller Inkohärenz. Die nationale Autorität bleibt auf parallele politische und sicherheitspolitische Strukturen verteilt. Wahlprozesse werden regelmäßig verschoben oder angefochten. Die Harmonisierung der Verfassung ist unvollendet. Die Wirtschaftsverwaltung unterscheidet sich von Region zu Region stark. Dieses Regierungsdefizit schwächt Mogadischus Fähigkeit, sich als unbestrittenes Zentrum der Autorität zu präsentieren. Internationale Akteure unterscheiden zunehmend zwischen formaler Souveränität und funktionaler Leistungsfähigkeit. Investitionsströme, Sicherheitskooperation und diplomatisches Engagement spiegeln diese Unterscheidung wider.
Somalias Warnung, die Anerkennung Somalilands werde eine regionale Fragmentierung auslösen, ist überzogen. Keine andere somalische Region verfügt über den historischen Unabhängigkeitsstatus Somalilands oder über völkerrechtliche Kontinuität aus der Dekolonisierung. Die föderalen Mitgliedsstaaten entstanden nach 1991 durch ausgehandelte politische Vereinbarungen. Sie besitzen keine vergleichbare souveräne Abstammungslinie. Der befürchtete Dominoeffekt existiert nicht.
Was existiert, ist eine Kluft zwischen politischen Ansprüchen und Realitäten vor Ort. Für Israel und andere sicherheitsorientierte Akteure wird das Engagement maritime Stabilität, regionalen Zugang und verlässliche Partner in den Vordergrund stellen. Dieses Kalkül dürfte sich durch diplomatische Proteste kaum ändern.
Wenn Somalia diesen Kurs ändern will, liegt die Lösung nicht in Druckkampagnen nach außen, sondern im inneren Wiederaufbau: in der Konsolidierung der nationalen Autorität, der Wiederherstellung institutioneller Kohärenz und dem Neuaufbau politischer Legitimität. Die harte Wahrheit lautet: Eine Anerkennung wie die Somalilands wird sich überall dort wiederholen, wo Funktionsfähigkeit die Fiktion übertrifft. Staaten, die ihr Territorium wirksam regieren, werden zu Partnern. Staaten, die sich auf symbolische Souveränität ohne institutionelle Leistungsfähigkeit stützen, werden diplomatisch an Boden verlieren. Nicht die Anerkennung ist die destabilisierende Kraft. Sondern das Staatsversagen.
